Absurd: Amok-Berichterstattungs-Verbot

Was ich im Beck-Blog heute gelesen habe, hätte ich als schlechten Scherz aufgefasst, wenn mein Kalender heute den 1. April 2009 anzeigen würde.

Prof. Hennig Ernst Müller plädiert dafür, einen neuen Straftatbestand zu schaffen, der für die Berichterstattung über Amok-Läufe bis zu zehn Jahre nach der Amok-Tat eine Strafe vorsieht. Immerhin kommen Verleger und Herausgeber bei Prof. Müller besser weg: ihre Beteiligung an der Veröffentlichung einer Amok-Tat wird “nur” mit einem Bußgeld geahndet. Prof. Müllers Gesetzesvorschlag lautet:

“Im Zusammenhang mit einer (gesetzlich näher zu definierenden) Amok-Tat ist bei Androhung eines Bußgelds für den Verleger/Herausgeber/Content-Verantwortlichen und Androhung einer Strafe für den Autor/Redakteur/presserechtlich Verantwortlichen 10 Jahre nach der Tat bzw. nach Verbüßung einer wegen der Tat verhängten Strafe verboten, den Namen (auch in abgekürzter Form) und Bilder des Täters oder personenbezogene Angaben, die unmittelbar zu dessen Identifizierung führen, in irgendeiner Form zu publizieren.”

Prof. Müllers Begründung für ein weiteres Verbot in Deutschland:

“Es ist eine wesentliche Motivation für solche Taten, als (negativer) Held zu erscheinen. Bei den Tätern handelt es sich meist um männl. Personen, die sich für gescheitert halten und für sich selbst keine Erfolgschance im Leben erkennen. Sie sehen ihre Tat (und zwar durchaus realistisch!) als einzige Chance an, sich in ihrem Suizid „unsterblich" zu machen. Selbst ein Gewinn bei DSDS oder bei Wer wird Millionär kann diesen „Ruhm" nicht toppen. Alle bisherigen Taten zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Täter mit früheren solchen Vorgängen identifiziert haben. Sie streben zum Teil an, frühere Täter zu übertreffen.”

Müllers Vorschlag ist – freundlich formuliert – sehr einfältig und kursichtig. Irgendwie muss ich *beiß auf die Zunge… flutsch* bei Rufen nach Verboten denken: typisch Deutsch.

Da Prof. Müller in Regensburg auf einem Lehrstuhl für Strafrecht sitzt, könnte der mitfühlende Leser noch Verständnis für Prof. Müllers Gesetzesvorschlag aufbringen. Ich möchte in aller Kürze meine Kritik an Prof. Müllers “Gesetzesvorhaben” begründen.

Die Kosten, die ein solches Gesetz mit sich bringen wird, wären besser investiert, wenn die Gelder direkt in das deutsche Schulsystem fließen.

Wenn unsere Gesellschaft mal endlich aufwachen würde, gäbe es automatisch keine Amok-Läufer mehr. Die meisten erfolgreichen Menschen haben ihre Kindheit vergessen und setzen ihren Einfluss nicht ein, um Kindern ein besseres Leben zu geben.

Dabei wären Investitionen in Kinder die beste Kapitalanlage, die sich ein Mensch vorstellen kann. Kinder von heute sind die Zukunft von morgen, weiß jedes Kind und Erwachsene ebenso.

Aber warum handelt unsere Gesellschaft nicht danach? Warum denkt jeder immer zuerst an sich? Warum wird auf schwächere Menschen keine Rücksicht genommen? Warum ist das Gegenteil der Fall? Warum bereichern sich viele Menschen an den Schwächen anderer Menschen?

Weil sich unsere Gesellschaft meist auf der Oberfläche bewegt und die Tiefen der Erkenntnis im Verborgenen bleiben. Es wird nicht genug Wert auf Werte legt, die einen rechtschaffenden Charakter ausmachen.

Zuletzt möchte ich noch ganz kurz auf Prof. Müllers Begründung seines Gesetzesvorhabens eingehen. Wer sich selbst als gescheitert sieht, dem kann geholfen werden. Aber sicher nicht durch ein Verbot der Berichterstattung über Amok-Läufer. Es wird auch nach einem Verbot der Berichterstattung ´über Amok-Taten weiter Bilder von Amok-Läufen geben, die im Internet auf Servern liegen werden, auf denen die deutsche Hoheitsgewalt nichts zu melden hat. Egal, denkt sich Prof. Müller? Dann holen wir Zensurula und verbieten wir einfach den Deutschen Internetserviceprovidern, ihren Kunden den Zugang zu diesen Seite zu ermöglichen. Wenn das auch nicht hilft, verbieten wir einfach das ganze Internet.

Wie wäre es mit Prävention?

Mehr psychologische Unterstützung in Schulen. Mehr Geld für mehr und besser qualifizierte Lehrer. Noch früher mit der Förderung der Zukunft anzufangen und Kindern in Kindergärten besser auf das Leben in unserer Gesellschaft vorzubereiten, sind Maßnahmen, die langfristig dazu beitragen könnten, unsere Gesellschaft aus dem Tal der Ahnungslosen herauszuführen.

Leider können die meisten Politiker nicht weiter als vier Jahre voraussehen. Als Politiker in Maßnahmen zu investieren, die sich erst in 20 Jahren auszahlen werden, ist nicht in ihrem Sinne. Lieber schnell hier und dort was verbieten und an anderen Stellen, schnelle Vorteile für sich und seine Lobbyisten suchen, lautet die Devise der meisten Machthaber.

Nach uns die Sintflut… und wen werden Sie am Sonntag wählen?

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