Es sollte ein ganz normaler Tag werden. Nein, das stimmt so nicht. Insgeheim erwarte ich jeden Tag ein Ereignis von apokalyptischer Bedeutung. Das Geschehen im Einkaufszentrum Nord-West-Frankfurt hat mich aber gelehrt, das Leben gelassen zu betrachten und die Erwartungen niemals zu hoch zu stecken.
Denn die Wirklichkeit kann realer werden als einem lieb ist. Mein Auftrag für jenen Tag, den ich nie vergessen sollte, lautete: Promotion für alle Fahrzeugmodelle eines spanischen Automobilherstellers.
Ich hatte gleich ein komisches Gefühl als plötzlich eine junge Dame vor mir stand und mich fragend ansah. Merkwürdig, die Frau hat ja gar keine Arme und Hände. Die junge Frau ist ungefähr 30 Jahre alt und scheint, Zeit ihres Lebens unter einer Behinderung zu leiden. Sie fragt mich, ob man in die Wagen von SEAT den Franz einbauen könne. Ich muss erstmal lachen, denn ich wusste ja nicht, dass Menschen ohne Arme mit dem System Franz ganz normal Auto fahren können.
Den Franz muss man sich so vorstellen: Man denke sich das Lenkrad einfach weg. Stattdessen ist dort, wo sich sonst die Kupplung befindet eine Drehscheibe angebracht. Mit dieser Drehscheibe ist ein Schuh verbunden. In diesen Schuh steckt der linke Fuß, welcher dann zum Lenken des Autos gebraucht wird. Der Rest verläuft ganz normal. Bremsen und Gasgeben mit dem rechten Fuß.
Wie das in der Praxis aussieht sollte ich in wenigen Augenblicken selbst erleben. Ich spreche noch mit der netten behinderten jungen Frau, als sich ein komischer alter Kauz dem Stand nähert. Ich bekomme eine befremdliche Ahnung bei dem Anblick des alten Mannes. Und wirklich wie der Mann vor mir steht, mit großen, weiten Augen, verschluckt dieser sich.
Als er den Mund öffnet, fliegt sein Gebiss heraus. Ganz langsam – als wenn wir uns in einem riesigen Glas Gelee befinden würden – sinkt das Gebiss zu Boden. Auf dem Boden gelandet, fängt das Gebiss plötzlich an, sich zu bewegen. Es klappert hin und her. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich bemerke, dass das Gebiss langsam anfängt, zu wachsen. Die Luft um mich herum wird dicker, ein milchiger Schleier baut sich vor meinen Augen auf.
Ich fühle mich wie in einem surrealem Gemälde von Dali. Ehe wir uns versahen, hat das Gebiss die Größe eines Kleinkindes angenommen und fängt an, Jagd zu machen auf die Kunden im Einkaufszentrum. Es war der große blonde, unsympathische Promoter, dessen Kopf vollständig vom Gebiss verschlungen wurde. Ich sehe jetzt noch die Füße aus dem riesigen Gebiss zappeln. Von da an nehme ich das Geschehen nur noch in Fetzen auf. Das Gebiss macht sich über alles und jeden im Einkaufszentrum her. Ich bleibe wie versteinert stehen, auch noch als die Frau ohne Arme ihren Rucksack vom Rücken nimmt und strammen Schritts auf den Wagen zugeht.
Innerhalb kürzester Zeit hat die junge Frau den Franz in das Auto eingebaut – alles ohne Arme. Ein Wunder. Sie setzt sich ans Steuer, mit einem geschickten Fußtritt entfernt sie das Lenkrad. Das Gebiss wütet weiter. In dem Moment durchfährt es mich, ich schalte wieder richtig und werfe unserer werdenden Heldin ohne Arme den Zündschlüssel zu. Sie schnappt den Schlüssel in der Eleganz eines Fängers beim Baseball mit ihrem Mund. Sofort zündet sie den Wagen und gibt Gas. Wie in Trance öffne ich die Beifahrertür und setze mich.
Sie fährt los und verfolgt das unheimliche Gebiss, das bereits über die Hälfte des Einkaufszentrums verschluckt hat. Ein schwarzes Loch, eine Zeitfalle. Was ist los? Das Gebiss hinterlässt keine Spuren, kein Blut, nichts. Alles wird irgendwie verschlungen. So als wenn die Atome aufgehört hätten sich zu bewegen und damit die feste Substanz der Materie auf immer und ewig verloren gegangen wäre.
Unsere Heldin nimmt Kurs auf das Gebiss. Sie lässt den Motor noch einmal aufheulen und ich sehe wie sich der linke Fuß bemüht, die Spur zu halten. Sie fährt mit immer höherer Geschwindigkeit direkt auf das Gebiss zu. Doch das Gebiss ist gewandt genug und weicht jedes Mal geschickt aus, bevor es zu einer Kollision kommt.
Noch einmal nimmt unsere behinderte Heldin Kurs auf das Gebiss. Im letzten Augenblick reißt die junge Frau ohne Arme die Handbremse um und schleudert den Wagen mit der vollen Breitseite direkt in das Gebiss. Es folgt ein Moment unendlich tiefer Stille. Dann macht es Blup und als wenn eine riesige Blase geplatzt sei und die Zeit umgekrempelt worden wäre, kommt all das wieder zurück, was das Gebiss zuvor verschluckt hatte.










































