Hanf Parade 2004: Ströbele fordert “Hanfgärten”
Nachdem ich gestern das Posting zu passiv THC-rauchenden Fahrerlaubnisinhabern abgesendet hatte, fiel mir wieder ein, dass in Berlin-Kreuzberg die Hanf Parade stattfinden würde. Dahin bin ich gegangen und kam gerade noch rechtzeitig am Oranienplatz an, um die Abschlusskundgebung live mitzuerleben.
Eingeleitet wurde die politische Kundgebung von Alexander Ritzmann (MdA, FDP), der die Freigabe von Hanf mit THC-Gehalt hauptsächlich mit dem medizinischen Nutzen für an Aids, Krebs oder anderen schwerwiegenden Beschwerden erkrankten Menschen begründete.
Es folgte die kurze, aber sympathisch anmutende Rede von Hans-Christian Ströbele (MdB, Bündnis90/ Die Grünen) – der Galionsfigur der Hanf Parade. Rechtsanwalt Ströbele berichtete, dass das auf einer der vergangenen Paraden beschlagnahmte Hanf, nach drei langen Jahren pünktlich zu seinem diesjährigen Geburtstag von der Staatsanwaltschaft Berlin freigegeben worden sei. Die Polizei hatte in der Vergangenheit auf der Hanf Parade Nutzhanf beschlagnahmt und gegen die Besitzer Strafverfahren eingeleitet, die jetzt aber allesamt eingestellt worden wären. Ströbele richtete damals einen mittlerweile legendären Satz an die Berliner Polizei: “Gebt das Hanf frei!”. Diesen Satz verarbeitete Stefan Raab kurzerhand als Sample in einem Song und brachte sein Lied damit in die Top Ten der deutschen Musikcharts. Dieses Jahr rief Ströbele konsequent: “Das Hanf ist frei.” Er machte sodann den Einfluss der Alkohol- und Tabakindustrie und die Macht der USA in Europa dafür verantwortlich, dass Hanf kriminalisiert wird, aber die artgemäßen Genussmittel Alkohol und Tabak paradoxerweise legalisiert sind. Er forderte nun, dass die Deutschen nicht nur in Biergärten “saufen”, sondern auch in so genannten “Hanfgärten” künftig “kiffen” dürften.
Dann kam der etwas unsicher wirkende Andreas Müller (Richter am Amtsgericht Bernau) als Privatperson auf die Bühne und referierte über seine Vorlage an das Bundesverfassungsgericht (DPMS INFO berichtete). Müller kritisierte das BverfG dafür, dass seine Vorlage verworfen wurde und wies auf andere Entscheidungen deutscher Gerichte hin, die bereits jetzt eine liberale Rechtsprechung bei THC-tangierten Delikten praktizieren würden. Müller griff auch den SPIEGEL für die vor ca. einem Monat erschienene Titelgeschichte über Hanf an. Müller warf dem SPIEGEL “Churchill-Methoden” (Anm. d. Verf.) vor, weil man Statistiken “verfälscht” dargestellt habe, um eine nicht zeitgemäße Meinung zu proklamieren.
Meine Feststellungen: Auf der Veranstaltung wurde sehr viel Alkohol konsumiert, viele Menschen waren bereits am Nachmittag mittelstark berauscht. Diejenigen, die am lautesten Parolen röhrten, waren meist schon stark betrunken. Die Luft rund um den Oranienplatz war natürlich rauchgeschwängert und überall roch es süßlich nach verbrannten THC-Produkten. An allen Ecken wurde “öffentlich gebaut”, Joints machten die Runde und teilweise wurden sogar Wasserpfeifen “durchgezogen”. Die Polizei war zwar präsent, wollte jedoch nach Angaben eines Verantwortlichen nur dann eingreifen, wenn Personen beim “dealen” beobachtet würden. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Polizisten gar nichts sehen wollten und ihnen die Aufgabe unangenehm war. Einer der Teilnehmer erzählte mir aber, dass seinen Freunden von der Berliner Polizei THC-Produkte weggenommen, ohne dass die Personalien aufgenommen oder ein Platzverbot ausgesprochen worden wären. Er hatte den (paranoiden) Verdacht, dass es sich nicht um echte Polizisten gehandelt habe. Er würde sich ja als Obdachloser vor jeder polizeilichen Maßnahme die Ausweise der Polizisten zeigen lassen und bei einer Beschlagnahme auf ein Protokoll bestehen. Außerdem habe er seine Freunde noch davor gewarnt, direkt auf der Parade zu “kiffen” und empfohlen bis zum Abend damit zu warten. Deshalb habe er jetzt noch etwas “Hasch”. Ein gut informierter und pragmatischer Punk eben.
Meine Meinung ist, dass der Konsum von THC nur dann unbedenklich ist, wenn der Geist des Konsumenten dafür geschaffen ist. Von Nichts kommt nichts. Und Paracelsus wusste auch schon, dass man einer Pflanze nicht mehr Dünger gibt, um diese besser und schneller zum wachsen zu bringen. Wer zuviel düngt, richtet Schaden an. Die Freigabe von Hanf muss mit einer groß angelegten Aufklärungskampagne einhergehen. Der Umgang mit Drogen ist in unserer Gesellschaft unvernünftig, widersprüchlich und führt auf Dauer zum Untergang, wenn nicht hart gegengesteuert wird.
